Texte

Aus der Laudation zur Ausstellung “Innere und äussere Landschaften” im Hyatt Mainz
von Wolfhard Klein

Doris Heidenberger definiert ihre Werke als innere und äussere Landschaften. Alles, was ein Maler macht, erfährt, weiß und sieht, fliesst in sein Bild ein. Auf der gegenständlichen Ebene ist das als konkreter Ausgangspunkt die Lebenswirklichkeit, die Lebenswelt. Für Doris Heidenberger ist das die Natur, sind das die bayrischen Seen und Berge, beeindruckende Landschaften/Städte/Architekturen oder auch die wilde Nordsee. Aber nicht nur. Natürlich hat sie die Kunstgeschichte, insbesondere die Beschäftigung mit der Kunst der Moderne geprägt. Und natürlich blieb das Studium der Sinologie nicht folgenlos für das Werk der Doris Heidenberger. Die chinesischen Malerei, Kalligrafie, Ikebana und japanische Holzschnitten und Tuschmalerei, aber auch die Beschäftigung mit der chinesischen Philosophie und dem chinesischen Buddhismus, fliessen in ihre Arbeiten ein. Auch die Zen-Malerei. Dort ist ja das Konzept der „Leere“ zentral, sichtbar als weißer Hintergrund, als Symbol der form-, farb- und eigenschaftslosen Leere. In der chinesischen Landschaftsmalerei, dafür steht das Wort „shanshui 山水“, das sich aus dem Begriff shan 山= Berge und shui 水 = Wasser zusammensetzt, werden sehr oft imaginäre Landschaften dargestellt. Berge und Wasser öffnen einen weiten Blick durch und in Landschaften, ohne dass dabei unsere westliche Zentralperspektive verwendet wird. Fülle und Leere wechseln sich ab oder fliessen ineinander. Es ergeben sich weite – poetische – Bildräume, in denen man im übertragenen Sinne spazieren gehen kann. Das gilt auch für die Gemälde der Doris Heidenberger.

Berge und Wasser sind wichtige Bestandteile ihrer Bilder, angeregt vom bayerischen Voralpenland, den Alpen, den bayerischen Seen, aber auch dem Meer und vor allem dem Licht – Spiegelungen, Wolken, Stimmungen. Äusserer und innerer Eindruck verweben sich, formen sich zum Bild, das mal mehr, mal weniger realistisch ist.

Was ist in Doris Heidenbergers Malerei wichtig?

Wer sich auf ihre Bilder einlässt, kann die Welt der Farben und der Farbklänge erleben. Nicht das exakte reale Abbild ist für sie interessant, das kann, wie sie wissen, die Fotografie sehr viel besser darstellen. Doris Heidenberger interessieren der Ausdruck, die Reduktion und Abstraktion, die Fülle und die Leere im Bild. Die weite Sicht, Farbklänge und das Atmosphärische. Dies alles mündet in ihrer Malerei immer wieder in einer Landschaft. Diese Landschaften sind Kraftorte, in denen man verweilen und zur Ruhe kommen kann, Abstraktionen, die Räume öffnen und den Himmel erobern.
Wichtig ist der Künstlerin der malerische Ausdruck, die Umsetzung eines ureigenen Farbklangs, einer persönlichen Handschrift, wichtig sind ihr Impression und Expression … Licht, Wolken, Spiegelungen und die Abstrahierung von der reinen Gegenständlichkeit.

Ein gutes Bild, ob gegenständlich oder abstrakt, wird beim Betrachter oder der Betrachterin etwas zum Schwingen bringen, wird inspirieren, also den Geist anregen. In der chinesischen Malerei ist es wichtig, dass ein Bild Qi enthält. Qi ist schwer mit einem Wort zu beschreiben, es steht für das lebendig Fliessende, den Atemhauch, die Lebensenergie. Qi soll in einem guten Bild fliessen. So stehen die inneren Landschaften und die daraus entstehenden Bilder auch wieder mit den äusseren Landschaften in einer Wechselwirkung.

Wie entstehen die Bilder, die Doris Heidenberger malt?

Am Anfang steht eine Idee, ein inneres Bild, eine Stimmung oder einfach ein Farbklang. Im spontanen Arbeitsfluss entsteht – im wörtlichen Sinn – die Grundlage, die dann Schicht für Schicht ausgearbeitet wird. Das ist ein dynamischer Prozess, ein Suchen und Finden. Doris Heidenberger malt mit Pinsel und Spachtel. Verwendet werden Acrylfarbe, Pigmente und Kreiden mitunter ergänzt um natürliche Materialien wie Sande, verschiedene Steinmehle, Asche oder Wachs, manchmal benutzt die Künstlerin auch Stoffe wie Bitumen, um den Bildausdruck zu verstärken. So entstehen Farbflächen und Linien. Oft wird die Farbe auch wieder abgekratzt und das Darunterliegende freigelegt. Es erfordert Mut, und dieser Mut ist wichtig, das Gemalte auf seine Stimmigkeit zu prüfen, im Zweifel wieder zu zerstören und dann weiterzumachen. Doch nur so entsteht oft erstaunlich Neues. Schicht für Schicht wächst, entwickelt sich das Bild, bis sich der Ausdruck verdichtet, der Klang stimmt und das Bild in sich stimmig ist. Aus bestimmten Themen entstehen Serien. Sie werden das, wenn sie die Ausstelllung betrachten, sehen.

März 2015